Der Stoff, aus dem mein Fonds ist
Einblicke in die Arbeit einer Nachhaltigkeits-Ratingagentur
Der nachhaltige Finanzmarkt ist transparenter als viele Außenstehende glauben. Denn besonders die großen, börsennotierten Unternehmen werden im nachhaltigen Finanzmarkt strengen Kontrollen unterzogen. Spezialisierte Rating-Agenturen prüfen, wie stark sich die in Fonds aufgeführten Unternehmen an ihr Nachhaltigkeitsversprechen halten. Anders als klassische Rating-Agenturen tun sie dies unabhängig und auf eigene Initiative.
Klaus Hintze runzelt die Stirn. Circa dreißig Unternehmen befinden sich in seinem Nachhaltigkeitsfonds, die meisten davon sind ihm namentlich nicht bekannt. Wie kann er als privater Investor prüfen, ob diese Unternehmen wirklich so nachhaltig sind wie der Fondsname andeutet? Seit der BP-Katastrophe fühlen sich viele in nachhaltige Investmentfonds investierte Anlegerinnen und Anleger in solchen Fragen verunsichert. Ein Stück Sicherheit kann hier die Arbeit von nachhaltigen Rating-Agenturen vermitteln.
Eine dieser Prüfinstanzen ist die oekom research aus München. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, börsennotierten Unternehmen auf den Zahn zu fühlen, die in nachhaltigen Fondsprodukten auftauchen. oekom research beschäftigt zu diesem Zweck ein kleines Heer von Analysten, insgesamt knapp 30, welche die soziale und ökologische Leistungskraft von Unternehmen überprüfen. Insgesamt analysieren und bewerten sie 3.000 Unternehmen; ihre Ratings beeinflussen ein Anlagevolumen von rund 90 Milliarden Euro. „Da ist überall oekom research drin“, sagt Rolf Häßler, Head of Corporate Communications von oekom research, und deutet auf eine lange Liste von nachhaltigen Fonds.
In erster Linie zählen institutionelle Investoren zum Kundenkreis der Agentur. Welchen Wert ihre Aussagen jedoch auch für private Anlegerinnen und Anleger haben, das verdeutlicht ein Blick in den Forschungs- und Analyse-Prozess der Rating-Agentur. Die Ausgangsbasis ist ein umfassender Kriterienkatalog, in dem die mehr als 500 ökologischen und sozialen Bewertungskriterien der Agentur festgelegt sind: Wie gut haushaltet das Unternehmen mit seinen Rohstoffen? Wie geht es mit seinen Mitarbeitern um? Wie sichert es sich gegen betriebsbedingte Umweltkatastrophen ab? Mit Hilfe dieser branchenspezifisch angewendeten Kriterien durchleuchten die Analysten von oekom research jedes Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dabei prüfen sie nicht nur die Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen, sondern stützen sich unter anderem auch auf Informationen aus öffentlichen Datenbanken und auf Medienberichte. Darüber hinaus greift die Rating-Agentur auf die Arbeiten von unabhängigen Beobachtern aus Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel Amnesty International und Transparency International, um sich laufend über Verstöße gegen soziale oder ökologische Standards zu informieren. Immer feinmaschiger und umfassender wird das Instrumentarium der nachhaltigen Rating-Agenturen: Wurden vor einigen Jahren nur die Geschäftsfelder der Unternehmen kritisch betrachtet (wie zum Beispiel Tabakprodukte oder Rüstungstechnologien), so werden heute immer häufiger auch die Zulieferer der Unternehmen einer kritischen Prüfung unterzogen.
Von den 3.000 analysierten Unternehmen landen am Ende des Ratingsprozesses gerade einmal 500 auf der Liste derjenigen Unternehmen, die oekom research als “prime“ bewertet. Die Auswahl verläuft nach dem Best-in-Class-Prinzip, d.h. nur die Nachhaltigkeitsführer einer Branche werden für die Aufnahme in einen nachhaltigen Investmentfonds empfohlen. Das Verfahren gilt bei manchen nachhaltigen Anlegern als umstritten, da es auch Branchen wie Ölindustrie oder Energiekonzerne berücksichtigt. Die Befürworter argumentieren, dass auch die „Umweltsünder“-Branchen dazu bewegt werden müssten, so nachhaltig wie möglich zu wirtschaften. Rolf Häßler erklärt: „Beim Best-in-Class-Ansatz geht es darum, innerhalb einer Branche einen Wettbewerb um mehr Nachhaltigkeit anzuregen. Ich glaube, dieses Prinzip funktioniert bei einer Vielzahl von Unternehmen sehr gut, denn es wird zunehmend attraktiver und wichtiger für sie, dass sie in den besten Nachhaltigkeitsindizes aufgeführt sind.“
Wer zu den Nachhaltigkeitsbesten zählt, interessiert vor allem die Emittenten der nachhaltigen Fonds sowie Investoren: große institutionelle Anleger wie z.B. kirchliche Einrichtungen, Stiftungen und Pensionskassen, aber auch Banken und große Vermögensverwaltungen. Wenn ein Kunde sich mit oekom research über die Zusammenstellung eines Fonds oder eines Anlageportfolios berät, dann werden zunächst die individuell gewünschten Nachhaltigkeitskriterien ermittelt. Für 90 Prozent der Kunden sind Rüstungsgüter, Menschenrechtsverletzungen und Arbeitsschutz zentrale Kriterien für den Ausschluss von Unternehmen, die es bei der Auswahl der Fonds zu berücksichtigen gilt. Darüber hinaus werden aus den restlichen Branchen die jeweils nachhaltigsten Unternehmen ausgewählt. Da sich Unternehmenspraktiken und Geschäftsfelder laufend ändern, erhalten die Fondsmanager von oekom research monatliche Berichte, in denen die Veränderungen im sozio-ökologischen Verhalten der ausgewählten Unternehmen aufgeführt sind. Größere Verstöße gegen die unternehmenseigenen Nachhaltigkeitsversprechen werden von den Rating-Agenturen abgemahnt; reagiert das Unternehmen nicht auf die Mahnung, so wird es teils auf Jahre von den Auswahllisten der Fondsmanager verbannt. Das Unternehmen BP beispielsweise, das im Frühjahr 2010 über Monate hinweg wegen des Unfalls der Ölplattform Deepwater Horizon in den Schlagzeilen war, hatte bei oekom research noch nie den „prime“-Status erzielt.
Auch wenn die Kunden von oekom research in der Regel aus dem institutionellen Bereich kommen, dürfte eines deutlich geworden sein: Die Arbeit einer Nachhaltigkeits-Ratingagentur fördert letztlich auch die Investmententscheidung von Privatanlegern. Denn Herr Hintze und andere potenzielle Käuferinnen und Käufer von Investmentfonds können jedem Fondsprospekt entnehmen, welche Rating-Agentur die Unternehmen in diesem Fonds untersucht und bewertet hat. Und sie wissen so, dass die Unternehmen in dem betreffenden Fonds ein umfassendes Prüfsystem durchlaufen haben. Rolf Häßler fasst zusammen: „Die Anleger sollten prüfen, wie die Rating-Agentur Nachhaltigkeit definiert und ob diese Definition mit den eigenen Kriterien übereinstimmt. Ist dies der Fall, dann kann der Anleger gezielt nach Fondsprodukten suchen, die auf solchem Research basieren.“
Autorin: Birte Pampel, redaktion@geldmitsinn.de
Auf www.oekom-research.de erhalten interessierte Anlegerinnen und Anleger tiefgründige Einblicke in die Nachhaltigkeit von Kapitalanlagen und Unternehmen, Branchen und Staaten. Einige der Inhalte sind für Privatanleger kostenfrei, zum Beispiel die ›› „oekom Corporate Responsibility Review 2011“.

