5. September 2011
„Wer nichts weiß, muss alles glauben..“
Impression aus dem Hamburger Grindelviertel.
Im schönen Hamburger Grindelviertel lernten wir kürzlich Susanne Kazemieh kennen, Geschäftsführerin der FrauenFinanzGruppe und freie Finanzberaterin. Für den Besuch eines Cafés blieb leider keine Zeit, dafür erhielten wir interessante Einblicke in das von ihr 1989 gegründete Beratungsbüro. Und ja, es arbeiten dort zu 100 Prozent Finanzfachfrauen – in der Finanzbranche ein ungewöhnlicher Anblick.
Frau Kazemieh, Sie sind die Gründerin einer Frauenfinanzberatung. Tatsächlich lassen sich auch viele Männer von Ihnen beraten. Warum?
Meistens werden die Männer durch die Erzählungen ihrer Partnerin oder Kollegin auf uns aufmerksam und fragen dann, ob sie „auch als Mann eine Chance“ hätten, von uns beraten zu werden. Manchmal kommen die Männer auch gleich zum ersten Beratungsgespräch mit, nicht selten aus Furcht, ihre vermeintlich ahnungslose Frau könnte von uns sonst über den Tisch gezogen werden. Stellen sie dann fest, dass es bei uns anders zugeht, werden sie oftmals auch gerne unsere Kunden.
Auch bei unabhängigen Finanzberatungen gibt es Unterschiede – in der Intensität der Beratung, im Beratungsstil oder in Bezug auf das Produktspektrum. Wie würden Sie Ihr Unternehmen hier einordnen?
Gerade bei der „Zielgruppe Frauen“ wird gerne mit dem Ansatz „Wir nehmen Ihnen das (nervige Thema Finanzen und Versicherungen) ab!“ gearbeitet. Unsere Philosophie ist eine ganz andere: Es gibt kein selbstbestimmtes Leben ohne finanzielle Unabhängigkeit. Wenn ich die Verantwortung für meine Finanzplanung delegiere, bleibe ich aber abhängig. Ziel muss doch sein, vor allem Frauen darin zu stärken, eigenverantwortlich mit dem eigenen Geld umzugehen. Und die meisten Frauen können das besser als Männer – sie wissen es nur noch nicht!
Gibt es Anlageformen, die Sie von Ihrer Beratung komplett ausschließen, etwa weil sie in Ihren Augen zu spekulativ sind?
Ja, grundsätzlich vermitteln wir keine Hedgefonds und keine Beteiligungen, bei denen die Kunden Gefahr laufen, nachschießen zu müssen – die Risiken sind in beiden Fällen gewaltig. Darüber hinaus grenzen wir solche Versicherer und Investmentgesellschaften aus, die sich durch bewusste Irreführung der Kunden einen zweifelhaften Ruf erarbeitet haben.
Versicherungs- und Finanzmakler werden gerne pauschal als unseriöse Berufsgruppe abgetan. Das ist schade, denn ein kompetenter, erfahrener Finanzberater ist für seine Kunden Gold wert. Woran erkenne ich einen guten Berater oder eine gute Beraterin?
Das ist in der Tat ein großes Problem in Deutschland. Da wir bis vor kurzem keinerlei gesetzliche Anforderungen an diejenigen hatten, die Versicherungs- und Finanzprodukte vermittelt haben, konnte sich praktisch jeder „Finanzberater“ nennen. Dazu kommt, dass das Vergütungssystem leider immer noch das schnelle Geschäft, und nicht die gründliche Beratung und langfristige Betreuung honoriert. Aber auch die „Geiz-ist-geil“-Philosophie trägt zu diesem verzerrten Bild bei: Wenn ich alles umsonst oder zumindest billig haben möchte, kann ich von der anderen Seite nicht erwarten, eine hochqualifizierte Leistung zu bekommen.
Gute Beraterinnen und Berater setzen nicht unter Zeitdruck, kommen nicht unaufgefordert mit „Angeboten“ auf Kunden zu, haben ein eigenes Büro (kommen also nicht zur Kundin aufs Sofa), zeigen verschiedene Lösungsmöglichkeiten mit Vor- und Nachteilen auf, und machen auch keinen Hehl daraus, dass sie für ihre Leistung Geld verdienen wollen – sei es über ein Beratungshonorar oder über Vermittlungscourtagen.
Wir sind der Ansicht, dass die Anlegerinnen und Anleger sich ein Grundwissen in Finanzdingen aneignen sollten. Wie viel müssen Anlegerinnen in Ihren Augen wissen, um verantwortungsvoll mit ihrem Geld umzugehen?
„Wer nichts weiß, muss alles glauben“ – diesen wunderbaren Satz formulierte Marie von Ebner-Eschenbach. Natürlich kann sich nicht Jede und Jeder zum Experten machen. Aber Anlegerinnen sollten eine Anleihe von einer Aktie unterscheiden können, den Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Fonds kennen.
Was hält Anleger davon ab, zu einer freien Finanzberatung zu gehen?
Ich glaube, dass viele Menschen immer noch eine sehr diffuse Vorstellung von den unterschiedlichen Berufsbildern innerhalb der Finanz- und Versicherungsbranche haben. Sie wissen weder, dass sowohl der „Bankberater“ als auch der Versicherungsvertreter die Interessen – und damit die Produkte – ihres Hauses vertreten muss. Erst recht haben sie kein Bild vom freien Finanzberater. Wie sollen sie auch, wenn jeder Möchtegern sich so nennen kann und die windigsten Produkte mit horrenden Kosten über den Wohnzimmertisch schieben darf.
Wie ist Ihre Erfahrung mit nachhaltigen Geldanlagen, in Bezug auf die Leistungsfähigkeit und Sicherheit?
Nachhaltig gemanagte Unternehmen erzielen langfristig höhere Renditen, steigen positiv in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und können ihre (zufriedeneren) Mitarbeiter länger an sich binden. Dies spiegelt sich auch in ihren Börsenkursen wieder, sodass es viele Nachhaltigkeitsfonds gibt, die konventionellen Anlagen in nichts nachstehen müssen. Was uns hier noch fehlt, sind konservative Produkte. Es fehlen flexible Renten- und Immobilienfonds, die – gerade in so schwierigen Phasen wie derzeit – angemessen (und nachhaltig) auf den Markt reagieren können.
Wie gehen Sie mit Kundinnen um, die ihr komplettes Vermögen nachhaltig anlegen möchten?
Zunächst einmal müssen wir mit der Kundin deren Nachhaltigkeitsbegriff klären. Hier zeigt sich sehr schnell, worum es der Kundin geht. Viele möchten auf gar keinen Fall in Rüstung investieren, anderen ist es wichtig, dass die Unternehmen einen fairen Umgang mit ihren Mitarbeitern pflegen. Als Anlageberaterin bin ich immer erleichtert, wenn die Ansage der Kundin nicht ganz dogmatisch lautet, dass sie sich reine grüne Anlagen wünscht, denn: Als Anlageberaterin habe ich nicht zuletzt für einen verantwortungsbewussten Risikomix zu sorgen, und bei einer derart starken Ausgrenzung finden wir nicht mehr viele Produkte, die überhaupt in Frage kommen.
Interview: Birte Pampel, GELD mit Sinn e.V.

