Ideal oder real:
Gibt es für Bürgerinnen und Bürger in Deutschland eine faire Finanzberatung?
Viele Anlegerinnen und Anleger, die im Netzwerk von GELD mit Sinn e.V. aktiv sind, haben negative Erfahrungen mit der Bank- oder Finanzberatung gemacht. Sie fühlten sich von ihren Beraterinnen und Beratern nicht ernst genommen, erhielten unpassende Produktempfehlungen, fühlten sich von zu häufigen Anrufen bedrängt... Die Liste der Probleme ist so groß, dass wir es uns seit der Gründung zum Ziel gesetzt haben, für eine faire, nachhaltigere Finanzberatung einzustehen. Aber was heißt das genau und wie kommt man zu so einer Beratung?
Eine Fachfrau, die sich mit solchen Themen besonders intensiv auseinandersetzt, ist die Finanzpsychologin Monika Müller von FCM Finanzcoaching aus Frankfurt. Deshalb hat es mich besonders gefreut, als sie GELD mit Sinn e.V. einlud, gemeinsam mit Finanzberatungen, Politikern, Rechtsexperten, Anlegerinnen und Anlegern zwei Tage lang darüber zu diskutieren, ob und unter welchen Bedingungen eine solche Beratung möglich ist. Ein spannendes Thema!
Als Referentin von GELD mit Sinn! erklärte ich den Teilnehmern, welchen Beitrag unsere Bildungsinitiative zu einer fairen Beratung leistet und wie genau Anlegerinnen und Anleger, aber auch Bank- und Finanzberatungen von unserer Arbeit profitieren. Darüber hinaus berichtete eine Anlegerin aus unseren Reihen über die zahllosen Hürden, die sie auf der Suche nach einer fairen und qualifizierten Anlageberatung überwinden musste – ein Beitrag, der das Publikum sichtlich bewegte. Eine Zusammenfassung der Punkte, die uns besonders wichtig waren:
GELD mit Sinn setzt sich dafür ein, dass alle AnlegerInnen Zugang zu einer fairen, qualifizierten Beratung haben (einer Beratung, die außerdem im Bereich der öko-sozialen Geldanlagen kompetent ist).
Wirklich gute, faire Berater und Beraterinnen sind rar, genau wie exzellente Zahnärzte oder Steuerberater. Die Suche nach einer fairen Finanzberatung gestaltet sich allerdings noch schwieriger, weil der Titel „Berater“ in Deutschland nicht geschützt ist. „Berater“ ist zum Beispiel ein Bankmitarbeiter, der über die Produkte seines Hauses informiert; der Vertriebsmitarbeiter einer Fondsgesellschaft, der ein einziges Produkt anbietet; der IHK-geprüfte Finanzmakler, der für einen großen Finanzbetrieb arbeitet; der Honorarberater, der statt Vertriebsprovisionen eine Beratungsgebühr in Rechnung stellt uvm. Jede Beratungsform unterscheidet sich in ihrer Beratungsleistung, ihrem Produktspektrum, ihrer Unabhängigkeit, dem Maß an Anlegerschutz, das sie bietet, und in vielen weiteren Punkten.
Geld mit Sinn möchte dazu beitragen, dass Sie sich optimal auf die Beratung vorbereiten.
Zu einer solchen Vorbereitung zählt neben dem Wissen über die verschiedenen Beratungsformen und die Grundlagen der Geldanlage, dass Sie sich über Ihr Verhältnis zu Geld klar werden. Finanzpsychologin Monika Müller begründet diese Notwendigkeit damit, dass unsere Finanzentscheidungen unbewusst von unseren Einstellungen zu Geld beeinflusst werden – und das nicht immer zu unserem Besten. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie leben in einer Großstadt und glauben: Eine eigene Wohnung ist etwas für Großverdiener. Mit dieser Einstellung würden Sie vermutlich niemals auf die Idee kommen, selber Wohneigentum zu erwerben. Sie würden nicht erfahren, dass es Wohnbaugenossenschaften und andere Finanzierungsmodelle gibt, welche Wohnbesitz auch für Anleger mit mittlerem und kleinem Einkommen möglich machen. Das Fazit: Wenn wir uns unsere Einstellung zu Geld bewusst machen und in Frage stellen, verschaffen wir uns einen größeren Entscheidungsspielraum. Deshalb plädiert Monika Müller auch dafür, dass wir uns nicht als „Sparer“ verstehen (ein Begriff, der eine bestimmte Einstellung zu Geld verkörpert), sondern als „Finanzentscheider.“
Welcher Risiko-Typ sind Sie?
Der Anwalt Mathias Nittel ist ein Spezialist für Bank- und Kapitalmarktrecht, der unserer Seminargruppe das Thema Risikoeinstufung ans Herz legte. Dieses in jeder Beratung angewandte Verfahren soll den Berater dazu veranlassen, dem Kunden nur Produkte mit einem für ihn oder sie geeigneten Risiko zu vermitteln. Häufig müssen Anleger zu diesem Zweck eine Selbsteinschätzung in Form eines Fragebogens vornehmen – eine Methode, die bei vielen Anlegern zu einer ungenauen oder sogar deutlich höheren Risikoeinstufung führt, als es der Realität entspricht. Infolgedessen bekommen viele Anlegerinnen und Anleger viel zu riskante Finanzprodukte angeboten. Das Problem wurde bisher von der deutschen Gesetzgebung und Rechtssprechung kaum erfasst, weshalb Anleger in diesem Punkt umso wachsamer sein müssen. Sprich: Fragen Sie den Berater/die Beraterin vor dem eigentlichen Beratungsgespräch, wie er/sie Ihre Risikoneigung erfasst und bewertet. Die Veranstaltung zum Thema Faire Finanzberatung lieferte viele weitere Denkanstöße, die uns in den kommenden Wochen und Monaten noch beschäftigen werden. Und natürlich sind wir immer interessiert daran, von Ihren Erfahrungen mit diesem Thema zu lernen! Sie erreichen unserer Redaktion unter redaktion@geldmitsinn.de.
Herzliche Grüße und sonnige Winterwochen,
Ihre Birte Pampel
Birte Pampel, GELD mit Sinn e.V.

