„Mehr Sinn in die Bankenwelt bringen“
Antoinette Hunziker-Ebneter, Chefin der Schweizer Börse
Antoinette Hunziker-Ebneter war Chefin der Schweizer Börse und arbeitete viele Jahre im klassischen Finanzmarkt. 2006 wechselte sie ins nachhaltige Finanzgeschäft und gründete Forma Futura Invest AG , eine nachhaltige Vermögensberatung mit Sitz in Zürich. Heute zählt sie zu den eloquentesten und glaubhaftesten Fürsprecherinnen einer nachhaltigen Finanzwende.
Sie haben Forma Futura 2006 gegründet. Warum gerade in diesem Jahr?
Die Entscheidung hat etwas mit meinem Geburtstag zu tun: Ich werde dieses Jahr fünfzig. Im Jahr 2006 wurde ich 45 und hatte das Bedürfnis, meine persönlichen Werte beruflich und privat noch konsequenter umzusetzen. Also beschloss ich mit meinen Partnern im Finanzbereich eine Firma aufzubauen, in der Kunden ihr Geld verantwortungsbewusst und sinnvoll anlegen können. Ich habe damals gedacht: Ich möchte jetzt dazu beitragen, dass die Finanzwirtschaft sich in eine Richtung entwickelt, die der Realwirtschaft dient.
Wie hat sich Ihre Vermögensberatung seither entwickelt?
Wir sind mit dem Erreichten zufrieden. Bei der Gründung hatten wir genügend liquide Mittel für drei Jahre und wusste natürlich nicht, wie sich das Unternehmen entwickeln würde. Heute haben wir jeden Monat zusätzliche Neukunden und wachsen kontinuierlich – nicht exponentiell sondern nachhaltig. Inzwischen haben wir zehn Mitarbeiter sowie einige externe Partner, darunter Research-Manager, einen Makro-Analysten und Banken.
Wie sind Sie dazu gekommen, sich für Nachhaltigkeit in der Wirtschaft, besonders im Finanzbereich, zu interessieren?
Ich bin seit gut 25 Jahren im Finanzbereich tätig und habe die Macht und die Bedeutung von Geld erlebt – auf Banken– und auf Börsenseite. Als Derivatenhändlerin habe ich das enorme Wachstum in diesem Sektor gesehen, auch im Bereich des virtuellen Geldes. Die Abkoppelung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft hat ja hohe volkswirtschaftliche Kosten verursacht, und nicht nur das: es gab auch viele persönliche Schmerzerlebnisse. Damals habe ich eine Entscheidung getroffen: Mit meiner Arbeitskraft möchte ich dazu nicht beitragen, sondern ich will Alternativen aufbauen und dort arbeiten, wo die Finanzwirtschaft wieder der Realwirtschaft dient.
Wer waren und sind wichtige Vorbilder für Ihre Überzeugungen im Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit?
Ich bin kein Mensch, der Vorbildern anhängt, aber natürlich gibt es Menschen, die mich stark beeinflusst haben. Professor Mathias Binswanger von der Universität St. Gallen zählt dazu; dort wurden ja schon vor 20 Jahren Modelle für eine nachhaltige Finanzwirtschaft diskutiert. Heute versucht Professor Johannes Rüegg das Thema in die Unternehmenswelt zu verankern.
Das Geschäftsmodell von forma futura liest sich wie ein Manifest für nachhaltige Unternehmensführung im Finanzsektor. Wer hat an seiner Ausarbeitung mitgewirkt?
Als ersten Schritt starteten wir ein Projekt. Ich habe 25 Personen mit unterschiedlichem beruflichem Background und aus verschiedenen Generationen eingeladen und mit ihnen einige Monate lang eine gemeinsame Wertebasis erarbeitet. Das bedeutete nicht nur schöne Worte, sondern wir haben uns konkret gefragt: Was bedeuten diese Werte für die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Mitarbeitern, Kunden und Partnern? Später haben wir forma futura mit den Mitarbeitern und Partnern gegründet, die diese Werte zu 100 Prozent unterstützen. Das war ein Ausleseprozess, der auch zu Trennungen geführt hat. Heute führen wir einmal im Jahr einen Review Workshop durch und laden die Mitarbeiter ein, die Vorgesetzten zu bewerten, ob sie die vereinbarten Werte auch leben.
Der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Wo muss forma futura im Hinblick auf das Nachhaltigkeitsthema Kompromisse schließen?
Bei uns können Kunden wählen zwischen einem benchmarkorientierten Portfolio oder einem Premium-Mandat, das auf ihren Werten basiert. Die meisten privaten Kunden wählen jedoch das Premium-Mandat, da sie hier keine Kompromisse mit ihren Werten eingehen müssen. Beim Benchmark-Ansatz ist das anders, da müssen die Anleger auch Branchen mitnehmen, die unsere 180 Nachhaltigkeitskriterien nicht erfüllen, wie zum Beispiel die Ölbranche. Diese Option wird häufig von institutionellen Investoren gewählt, da ihre Performance mit einem Benchmark verglichen wird.
Forma futura führt einen eigenen Fonds, den Brascri Nachhaltigkeitsfonds. Dieser wurde nach dem Forma Futura Quality of Life (FFQL) Ansatz entwickelt. Was ist der Unterschied zwischen dem FFQL-Ansatz und dem Benchmark nahen Ansatz?
Wir bieten, beide Ansätze an. Manche Kunden möchten erst den Zwischenschritt „benchmark nah“ umsetzen, bevor sie vielleicht später in ganz nachhaltige Investments wechseln. Bei unserem FFQL-Ansatz führen wir für alle Firmen neben einer Finanzanalyse eine auf 180 Kriterien basierende Nachhaltigkeitseanalyse durch. Dies hat z .B. dazu geführt, dass keine Firma aus der Ölbranche unsere FFQL-Kriterien bestanden hat. Somit waren in einem nach dem FFQL-Ansatz geführten Portfolio keine Öltitel enthalten. In einem benchmarknahen Porftfolio muss die Ölbranche auch vertreten sein. In unseren Portfolios ist Royal Dutch vertreten, als Best in Class Titel, jedoch nicht BP.
Nachhaltigkeit ist ein weiter Begriff mit viel Interpretationsspielraum. Welches Verständnis überwiegt bei Ihren Anlegerinnen und Anlegern? Welche Themen spielen bei den Investments die wichtigste Rolle?
Wir nutzen eine Definition von Millennium Eco System Assessment. Diese definieren Nachhaltigkeit als eine Steigerung der Lebensqualität. Dazu zählen Gesundheit, natürliche Grundbedürfnisse, Sicherheit, gute soziale Beziehungen, Wahl- und Handlungsfreiheit – und dazu braucht es Bildung. Die Kunden werden von uns gefragt: Welche Wertebausteine wollen Sie mit Ihrem Investment abdecken? Wichtige Themen sind dabei die Ressourceneffizienz, erneuerbare Energien, Wasser, Ausbildung, Soziales und auch Mikrofinanzen.
Es gibt in Ihrem Sektor hellgrüne und dunkelgrüne Vermögensverwaltungen. Welche Fragen sollten nachhaltig orientierte Anleger stellen, um die für sie passende Vermögensverwaltung zu finden?
Hier ist es ganz wichtig zu fragen: Wie definieret der Vermögensverwalter Nachhaltigkeit und welche Kriterien werden vom Berater bei der Geldanlage verwendet. Die Anleger sollten sich dies anhand praktischer Beispiele erklären lassen. Sie sollten Fragen stellen, bis sie ein Gespür dafür bekommen, wie die Beratung arbeitet. Zum Beispiel die Research-Aktivitäten: Wird nur ein Bericht aus dem Internet heruntergeladen oder der unternimmt das Beratungsunternehmen eigenen Recherchen? Wie funktioniert der Auswahlprozess und welche Unternehmen werden in die Fonds hineingenommen? Sie können sogar fragen, ob Sie an einer solchen Auswahlsitzung teilnehmen können. Man muss so lange Fragen stellen, bis man sagen kann: Das ergibt für mich Sinn.
Sie waren Chefin der SWX-Gruppe, zu einer Zeit, als Frauen in den Chefetagen extrem selten waren. Sie haben sich in einer stark männerdominierten Welt bewegt. Wer oder was hat Sie in dieser Zeit innerlich genährt?
Meine Familie, insbesondere mein Sohn. Die regelmäßige Reflexion. Und der Wille, gemeinsam mit den Mitarbeitern zur Demokratisierung der Information beizutragen.
Sie haben auf einer Konferenz des Mind and Life Instituts bemerkt: „Wir beobachten zur Zeit einen Wandel vom Streben nach Quantität zu einem Streben nach Qualität, von reinem Gewinn zu einem Gewinn mit Sinn.“-- An welchen Personengruppen machen Sie diesen Wandel fest?
Ich sehe das an den Kunden und an neuen Reflexionsgruppen, Thinktanks und an Diskussionen mit Firmenchefs. Solche Veränderungen sind in der Geschichte immer durch die Formierung neuer Gruppen entstanden.
Vielerorts heißt es schon wieder: Die Party geht weiter. Wie schätzen Sie die Chancen für ein Wiedererstarken der Weltwirtschaft ein?
Die Welt erholt sich rasch, aber die Erholung wird verlangsamt. Und der Prozess des Schuldenabbauens wird Jahre dauern. Für eine nachhaltige Erholung braucht es neue Arbeitsplätze, steigende Konsum- und Investitionsgüternachfrage – und das sieht man im Westen noch nicht.
2008 sagten Sie, dass eine Rendite von sechs bis sieben Prozent auf eine Dauer von sieben bis zehn Jahren realistisch wären. Wie hoch würden Sie heute eine „adäquate“ Rendite ansetzen?
Auf die nächsten sieben bis zehn Jahre gehe ich wieder von dieser Zahl aus. Aber in den nächsten zwölf Monaten sehe ich ein bis zwei Prozent beim Schweizer Franken und im Euro-Raum vielleicht zwei bis vier Prozent.
Manche nachhaltigen Ökonomen glauben, dass die sieben bis zehn Prozent Zinserwartung aus einer Zeit stammen, die noch vom Wiederaufbau und vom scheinbar unendlichen Ölreichtum zehrte und dass wir dieses hohe Niveau nicht mehr erreichen werden. Wie stehen Sie zu dieser These?
Ich denke, dass die Hochphasen wiederkehren werden. Seit Herbst 2008 haben wir eine enorme Geldschöpfung gesehen und die Herausforderung ist es hier, den Hebel rechtzeitig wieder umzulegen. Auch erfahrene Notenbanker – solche die schon pensioniert sind und frei sagen können, was sie denken – fürchten die Rückkehr einer hohen Inflation.
Im November 2009 forderten Sie angesichts der Finanzkrise, dass das bestehende Finanzsystem in ein nachhaltiges transformiert wird. Seither ist viel darüber diskutiert worden. Wo sehen Sie Fortschritte auf diesem Weg, wo hakt es noch?
Ja, es wird in vielen Gremien viel diskutiert. Fortschritte gemacht sind erst, wenn die Eigenkapitalquoten bei den Banken wirklich steigen, die Komplexität der von ihnen angebotenen Produkte sinkt und die Vergütungssysteme langfristig und nachhaltig ausgerichtet werden. Was ich zurzeit beobachte, ist, dass leider viele in der Bankenbranche die alte Welt bewahren möchten. Es gibt aber immer einige Führungskräfte, die sich mit den Problemen ernsthaft befassen und ihre Firmen in diesem Sinne neu ausrichten. Voraussetzung für den Fortschritt ist auch, dass jeder einzelne Investor und jede einzelne Anlegerin und Aktionärin die Produkte der Banken hinterfragt, und nicht mehr in Firmen investiert, die solche Exzesse weiterpflegen. Letztlich ist eine Veränderung vor allem über die Konsumenten möglich und im Finanzbereich sind die Anleger die Konsumenten. Es gibt immer mehr Anlegerinnen und Anleger, die ihre Verantwortung bei der Geldanlage wahrnehmen wollen.Das stimmt mich zuversichtlich, dass wir über die Zeit – und vermutlich weitere Crashs – zu einem nachhaltigeren Finanzsystem, das der Realwirtschaft dient und kein Selbstzweck ist, kommen werden.
Forma Futura Invest AG ist eine unabhängige nachhaltige Vermögensmanagement-Gesellschaft mit Sitz in Zürich. Sie wurde im November 2006 von Antoinette Hunziker-Ebneter, Christian Kobler, Beatrice Zwicky und Harry D. Korine gegründet.
Kontakt
Antoinette Hunziker-Ebneter
E-Mail: antoinette.hunziker@formafutura.com
Telefon: 0041- 44 287 22 87
Webseite: www.formafutura.com
›› PDF - Interview mit Antoinette Hunziker-Ebneter, Chefin der Schweizer Börse (105 kb)

